Die Revolution der Frauen* in Rojava – Eine Skizze

„Die Revolution in Kurdistan ist eine Frauenrevolution. Die Essenz der Befreiung des Volkes von Kurdistan ist die Befreiung der Frauen.“ Abdullah Öcalan

Spätestens seit dem erfolgreichen Widerstand der kurdischen Kämpferinnen gegen Daesh (sog. „Islamischer Staat) in Kobanê, ist vielen Menschen auf der Welt bewusst, dass sich im Norden Syriens etwas bewegt. Wir kennen vielleicht die Bilder der bewaffneten Frauen* mit ihren bunten Blumentüchern oder wissen, dass die Angreifer von Daesh besondere Angst hatten von einer Frau* getötet zu werden, da sie dann nicht ins Paradies kommen. Aber der Aufbruch der Frauen* in Rojava ist viel mehr als das fetischisierende Bild einer Frau* mit der Kalaschnikov und er ist vielschichtiger als der Kampf gegen Daesh. Der Kampf der Frauen* in Rojava findet erstens nicht nur militärisch statt, sondern vor allem in den Köpfen und richtet sich zweitens nicht allein gegen Daesh, sondern vielmehr gegen die Unfreiheit der Menschen überall auf der Welt, gegen Ausbeutung, gegen die Zerstörung der Natur, gegen patriarchale Unterdrückung, schlicht: gegen das herrschende System.

Wie Dilar Dirik es in ihrem Artikel „Die Frauenrevolution in Rojava“ beschreibt:

In einer Ära, in der imperialistische Frauen in Machtpositionen versuchen, ungerechte Kriege damit zu rechtfertigen, dass Frauen in sogenannten Dritte-Welt-Ländern “gerettet” werden müssen, während rassistische, islamophobe, chauvinistische Gruppen der Meinung sind, die Interessen von Frauen im Nahen Osten zu vertreten, durch sensationalistische egozentrische Aktionen, die sie als radikal bezeichnen und in der extremer Individualismus und Konsum als Emanzipation betrachtet werden, haben die Frauen in Rojava radikalen Widerstand reartikuliert, indem sie es ablehnten, mit den Prämissen der globalen patriarchalen, kapitalistischen Nationalstaatsordnung einherzugehen, das Tabu der militanten Frau brachen, durch legitime Selbstverteidigung das Monopol der Gewalt vom Staat dissoziierten und gegen eine brutale Organisation nicht als Proxys imperialistischer Mächte, sondern für ihre eigene Befreiung, nicht nur vom Staat, sondern von den repressiven Strukturen ihrer eigenen Gemeinde, kämpften.“[1]

Die Grundlage der sozialen Revolution in der demokratischen Förderation Nord – Syrien bilden die Demokratische Autonomie sowie die Befreiung der Jugend und der Frau*. Dies wird ideologisch als Ausgangspunkt zur Überwindung des herrschenden Systems aus ethnischer Verfolgung, patriarchaler Unterdrückung, kapitalistischer Ausbeutung, Krieg und Umweltzerstörung gesehen. „Die Frau“ ist in dieser Analyse „die erste Kolonie“, was so viel bedeutet, dass seit tausenden von Jahren, Prozesse wie die Herausbildung des Patriarchats, Nationalstaaten, Kapitalismus etc. vor allem auf dem Rücken der Frauen* ausgetragen wurden und werden. Somit wird die Befreiung der Frau* und das damit einhergehende „Töten des Mannes in sich“ als grundlegende Säule der Befreiung der Menschen in Kurdistan gesehen.
Auf dieser Grundlage bildeten und bilden sich in Rojava unzählige autonome Frauenstrukturen. Generell sind die existierenden Strukturen gemischt-geschlechtlich. Zusätzlich existiert immer eine autonome Frauenstruktur. In den Räten gibt es autonome Frauenräte, neben der Volksverteidigungseinheiten der YPG, gibt es die autonome Frauenverteidigungseinheit YPJ, neben den Sicherheitskräften der Azayîş gibt es eine Azayîşa Jin (Jin – Frau). In den Kommunen übernehmen die Frauen* der HPJ (Hezâ Parastina Jin) den Schutz der Nachbarschaft. Mala Jin, als zivile Organisierung der Frauen* kümmert sich um Konflikte innerhalb der Gesellschaft und versucht im Interesse der Frauen* zu vermitteln. Es gibt eine eigene Struktur für die jungen Frauen*, es entsteht ein autonomes Frauendorf „Jinwar“ und so weiter. Wir werden in unseren Berichten genauer darauf eingehen und zu einzelnen Strukturen, die wir besucht haben genauere Informationen und Beschreibungen liefern.

Grundlegend muss die Gesellschaft im Norden Syriens als stark patriarchal beschrieben werden. Es war vor dem Beginn der Revolution ein Tabu, dass Frauen* zu Waffen greifen. Junge Frauen* wurden bis vor ein paar Jahren regelmäßig unterhalb der Volljährigkeit verheiratet. Die Möglichkeiten der Bildung, des selbstständigen Erwerbs und damit auch Aussicht auf ein unabhängigeres Leben, waren kaum gegeben und sind immer noch nicht vollständig etabliert. Im öffentlichen Leben und politischen Vertretungen waren Frauen* bis vor ein paar Jahren noch kaum anzutreffen. Gewalt gegen Frauen* war und ist immer noch alltäglich.
Im Zuge der Revolution wurden Zwangsheirat, Heirat unter 18 Jahren, Gewalt gegen Frauen*, Ehrenmorde und Brautpreise kriminalisiert. Scheidungen sind inzwischen möglich und werden auch praktiziert. Es bilden sich unzählige Kooperativen und Frauenkooperativen um ein kommunales Wirtschaften zu etablieren und eine Universität steht für Frauen* offen. Es entwickelt sich eine eigene „Wissenschaft der Frau*“ – Jineolojî – die verloren gegangenes Wissen wiederbelebt und eigene Positionen und Analysen über und mit der Gesellschaft erarbeitet. Im politischen Leben und öffentlichen Raum sind überall Frauen* vertreten. Dies alles hat die Revolution in Rojava in den letzten Jahren bewirkt, ausgehend von einem jahrzehntelangem Prozess und Widerstand unter anderem der PKK. Dies bedeutet aber nicht, dass der Kampf um eine geschlechterbefreite Gesellschaft und gegen die Unterdrückung der Frau* bereits gewonnen ist. Bis all die Errungenschaften und Freiheiten bis tief in die Gesellschaft vordringen und akzeptiert werden, ist es noch ein langer Weg.
Abgesehen davon wird und wurde Krieg (wie überall auf der Welt) besonders gegen Frauen* geführt. Daesh versklavte, ermordete, verschleppte und vergewaltigte tausende von Frauen* und sagte ihnen explizit den Krieg an, der türkische Staat und sein Militär foltern und morden im Namen der männlichen Ehre. Dies sind nur zwei der Feinde, gegen die sich kurdische Frauen* verteidigen müssen.

Kurdische Frauen kämpfen (derzeit) gegen den türkischen Staat, die zweit größte NATO-Armee mit ihrer hypermaskulinen Militärstruktur und einen Präsidenten, der an Frauen appelliert, mindestens drei Kinder zu gebären, während er offen die Meinung vertritt, Männer und Frauen seien nicht gleichberechtigt, gegen das iranische Regime, das Frauen, angeblich im Namen des Islams, entmenschlicht, gegen die syrische Armee, die Vergewaltigung als systematisches Kriegsmittel nutzt und gegen Dschihadisten, denen für ihre barbarische Taten 72 Jungfrauen im Paradies versprochen werden. Aber abgesehen davon kämpfen diese Frauen gegen das unerträgliche Patriarchat in der kurdischen Gesellschaft selbst. Gegen Kinderheirat, Zwangsheirat, Ehrenmorde, häusliche Gewalt und Vergewaltigungskultur.“[2]

In dieser Situation bauen die Frauen* revolutionäre Selbstverteidigung und Organisierungen auf. Dabei geht es nicht nur um die eigene Bewaffnung. Hinter allem steht die gegenseitige Weiterbildung und Wissensvermittlung. Frauen* bilden sich selbst, ihre Ehemänner*, Brüder und Familien, ihre Genoss*innen und die Gesellschaft, um das patriarchale System zu überwinden. Es geht um Freiheit und die Überwindung des herrschenden Systems, es geht um die Verteidigung der bereits gewonnenen Freiheiten und dem Schutz des radikal-demokratischen Projektes in Rojava. Dies ist nicht allein mit Waffen möglich, dazu gehört viel Geduld und radikale Veränderung des Denkens. Rojava ist eine soziale Revolution. Die Befreiung der Frau* und damit der Weg zur geschlechterbefreiten Gesellschaft wird zur Aufgabe der gesamten Gesellschaft gemacht und wird somit nicht auf „die Zeit nach der Revolution“ verschoben. Wie das praktisch aussieht, werden wir in unseren Berichten skizzieren.Abschließen wollen wir in Gedanken an die Kraft und Überzeugung der vielen kämpfenden Frauen*, die für unser aller Freiheit einstehen, mit den Worten Dilar Diriks:

„Das ist der Grund weswegen kurdische Frauen lächelnd gegen die frauenmordenden Vergewaltiger des IS in den Kampf ziehen: die Aussicht auf ein freies Leben, jenseits von Staat, Macht und Nationalismus.“[3]


1 Dilar Dirik: Die Frauenrevolution in Rojava. In: Kampf um Kobanê – Kampf um die Zukunft des Nahen Ostens (Hrsg. Ismail Küpeli/ 2015)
2 ebd.
3 ebd.

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