3. Bericht Delegation Rojava: Jugendradio in Qamişlo – Dengê Cûdî/ Cûdî’s Stimme

Auch wenn sehr viel Zeit vergangen ist, anbetracht der aktuellen Situation wollen wir weiterhin unsere Berichte zur Frauendelegation nach Rojava veröffentlichen. Die Situation hat sich verändert, die Berichte zeigen nicht was gerade passiert und gehen nicht auf die aktuelle Situation ein. Dennoch wollen wir weiter zeigen, was in Rojava aufgebaut wird und was wir zu verteidigen haben! Biji Berwedana Rojava! Widerstand ist Leben!

In Qamişlo besuchten wir das Jugendradio „Dengê Cûdî“ (Cûdî’s Stimme). Es existiert seit 2011 und ist ein selbstorganisiertes Radio der PKK Jugend. Es ist das erste radiakl-politische Jugendradio der Region, vor der Revolution gab es nur Radiosendungen die dem syrischen Regime nahe standen. Diese Tatsache macht sie bei der den Menschen aus der Gesellschaft sehr beliebt. Der Name „Cûdî“ ist auf der einen Seite der Name eines Berges und zweitens der Name einer Şehîd gefallenen Kommandantin.

Das Gebäude in dem sich das Radio befindet ist ein sehr altes Haus in Qamişlo, das einen wichtigen strategischen Punkt darstellt, da man von hier aus ganz Qamişlo überblicken kann. Zu Qamişlo ist an dieser Stelle noch zu sagen, dass es keinesfalls eine politisch homogene Stadt darstellt. Qamişlo ist geteilt, es gibt Straßen die weiterhin unter Kontrolle des Assad-Regimes stehen und Straßen, die von der YPG und YPJ kontrolliert werden. Diese Linien verlaufen nicht etwa als Teilung in der Mitte, sondern zerstreut. Zurzeit herrscht eine Art stillschweigendes Tolerieren, die YPG/ YPJ ist nicht interessiert am Ausweiten der Kämpfe in der Stadt und versuchen jegliche Eskalation zu vermeiden1.

Im Haus gibt es ein Studio, Küche, Versammlungsraum und eine Şehîd2 Mutter lebt dort ebenfalls. „Dengê Cûdî“ begreift sich als „Stimme der Jugend“, wobei ihre Zielgruppe nicht nur die Jugend darstellt. Sie wollen Radio für alle Menschen machen, auch über Qamişlo und Rojava hinaus. Durch die Lage von Qamişlo direkt an der türkischen Grenze zu Bakur (Südkurdistan) senden sie auch für die Menschen auf der anderen Seite der Grenze. Von Qamişlo aus haben die Jungen Menschen die Chance den Freund*innen und Genoss*innen in Bakur Motivation zu geben und Informationen bereitzustellen. Sie erzählten uns ebenfalls, dass sie auch speziell für die Gefangenen in den Knästen senden, um ihnen Solidarität zu zeigen. Politisch gesehen, füllt „Dengê Cûdî“ damit eine wichtige Lücke und spielt für die Bewegung eine wichtige Rolle. Mit dem Radio wollen sie der Jugend eine Stimme geben, die Menschen sollen erfahren, dass die Jugend eigene Meinungen hat und frei denkt. Das kapitalistische System hält die Jugend klein, so ihre Analyse, und mit dem Radio, das sie selbst organisieren und gestalten, ermöglichen sie sich nach Außen zu treten und sich somit Respekt auch von den alten Leuten einzufordern. Für sie stellt das Radio ein wichtigen Teil der Jugendbewegung dar, was ihnen auf der einen Seite öffentliche Aufmerksamkeit verschafft und auf der anderen Seite die Jugend empowert.

Grundsätzlich sind sie autonom organisiert. Sie gehören zur PKK-Jugend, haben aber keine Vorgesetzten oder Strukturen, sie über ihr Programm bestimmen. Jede Person kann, wenn sie Interesse an Radio hat, hier herkommen und lernen, wie es funktioniert. Sie haben großes Interesse daran Menschen auszubilden, denn nur so kann sich die Arbeit des Radios über Jahre kontinuierlich fortsetzen. Sie erzählen, dass es nicht wichtig ist, das die Menschen die sich im Radio engagieren zwangsläufig gute Journalist*innen sind. Erstens kann man bei ihnen alles lernen und zweitens geht es ihnen vielmehr um eine gemeinsame politische Ideologie. Für sie ist es wichtig, dass die jungen Menschen, die Teil des Radios sind, sich als Teil der Bewegung verstehen und ihre Ideologie auch in sich tragen. Prinzipiell wird jegliches Wissen über Radio und Ideologie auch untereinander vermittelt. Alle lernen alles. Dafür organisieren sie Weiterbildungen, laden sich Referent*innen ein bilden sich gegenseitig fort. Auch im Radio gibt es einen expliziten Teil für junge Frauen*. Einmal im Sendeprogramm, zum anderen aber auch in der Organisierung. Dabei liegt der Fokus auf gegenseitigem Empowerment, Weitergabe der Ideologie, Beschäftigung mit Jineolojî, Auseinandersetzung mit den eigenen Unterdrückunsgserfahrungen und Veränderung des traditionellen Denkens über die Rolle der Frauen*. Dafür haben die jungen Frauen* die Hälfte des gesamten Sendeplatzes des Radios.

Jeder Tag im Radio beginnt morgens um 7 Uhr mit der Planung des Tagesprogramms. Dafür wird sich getroffen und diskutiert. Sie treffen ihre Entscheidungen gemeinsam, das Programm steht nicht von vornherein fest. Um 11 Uhr senden sie Nachrichten. Zwölf Uhr gibt es Nachrichten speziell von und für Frauen*. Danach muss erstmal eine Pause eingelegt werden, da sonst der Generator, der den Strom für das Radio liefert zu heiß wird. In der Zeit des Pause gehen die Reporter*innen raus, führen Interviews, sammeln das Material für Reportagen und für die folgenden Sendeformate. Danach setzen sie das Programm bis 22/23 Uhr fort. Dies machen die Jungen Menschen jeden Tag, um für Aufmerksamkeit und Respekt in der Gesellschaft zu kämpfen, sie aktiv mitzugestalten. Das Radio in Qamişlo ist eins von zwei Radioprogrammen der Jugend in Rojava. Das zweite Radio wurde in Raqqa eröffnet. Es wird von der arabischen und kurdischen Jugend zusammen organisiert. Das System und die Struktur sind identisch.


1Dies bezieht sich auf die Zeit der Delegationsreise. Die aktuellen Zustände haben sich drastisch verändert.

2Şehîd ist kurdisch und kann mit „Märtyrer*in“ übersetzt werden, also Menschen, die für die Bewegung im Kampf gefallen sind. Şehîds haben in der kurdischen Freiheitsbewegung eine wichtige Rolle und ihnen wird viel Respekt entgegengebracht. Ihre Familien werden ebenfalls mit viel Respekt behandelt und darüber hinaus auch versorgt und nicht allein gelassen. Es wir kein Unterschied zwischen den Gefallenen der YPG/YPJ oder den Gerillas der HPG gemacht.

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