Was heißt hier Siegerjustiz?

– Veranstaltungsreihe zur Kritik real-sozialistischer Zustände –

organisiert von: gruppe polar / internationalistisches zentrum dresden / ermittlungsauschuss dresden

 

 

Im Dezember 2016 erschien unter dem Titel „Siegerjustiz – Verfolgung und Delegitimierung eines sozialistischen Versuchs seit 1990“ die Ausgabe 4/2016 der Rote Hilfe Zeitung (RHZ). Zu Wort kamen ehemalige Funktionäre der DDR, die sich darüber beklagten, wie harsch mit ihnen umgegangen wurde. Es waren genau diese Funktionäre, die durch ihr Tun im Namen von Sozialismus und Kommunismus ein repressives System aufbauten, vertraten, mittrugen und Menschen indoktrinierten und ihnen die Selbstbestimmung absprachen.

Die Rote Hilfe Ortsgruppe Dresden (RH DD) wollte das so nicht hinnehmen und forderte eine kritische Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte. Um eine Diskussion anzuregen verfasste sie ein Statement an die Gesamtorganisation der Roten Hilfe und die lokalen linksradikalen Strukturen. Es gab einzelne Gruppen, vornehmlich ostdeutsche, die wie die RH DD eine Verklärung des repressiven DDR-Systems ebenfalls ablehnen. [1] Ob es eine Ausgabe zur Repression gegen linke Oppositionelle in der DDR geben wird, wie sie die RH DD einfordert, ist aus der Erklärung des Redaktionskollektivs der RHZ und des Bundesvorstandes der Roten Hilfe indes nicht ersichtlich. [2]

Für uns scheint es immer noch einen tiefen Graben zwischen Linken in Ost- und Westdeutschland zu geben. Teile der „West-Linken“ sprechen Genoss*Innen, die in der DDR sozialisiert und teilweise durch DDR-Organe verfolgt wurden, ab, ihre eigene Geschichte besser beurteilen und einschätzen zu können. Kritik bzw. Ablehnung eines erlebten repressiven Regimes, dass sich anmaßte, den Sozialismus zu verkörpern wird schlicht als Antikommunismus abgetan. Möglicherweise geschieht dies aus Angst der bürgerlichen Geschichtsinterpretation in die Hände zu spielen. Vehement wird beschönigt, was dringend von links aufgearbeitet und kritisiert werden muss,sollen sich Fehler nicht wiederholen. Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass es niemandem etwas bringt, eine Gesellschaftsordnung zu beschönigen, die alles, was nicht in das vorgeschriebene Schema passte, verfolgte.

Antiautoritär zu sein bedeutet für uns auch immer eine aufrichtige Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit. Die Kritik des Kommunismus darf nicht den Antikommunist*innen überlassen werden. Aus diesem Grund haben sich linksradikale Gruppen in Dresden zusammengetan und eine kleine Reihe mit dem Namen „Was heißt hier Siegerjustiz? – Kritik real-sozialistischer Zustände“ organisiert. In mehreren Veranstaltungen wollen wir uns dem Lebensalltag der DDR annähern. Zum einen geht es dabei um Erfahrungswelten der Oppostion und Subkultur. Zum anderen möchten wir über die Propaganda der DDR-Organe genauso wie über das Problem des Nazismus und Rassismus in der DDR sprechen. Lassen wir nicht zu, dass immer die vermeintlichen Sieger der Geschichte ihre Propaganda als Wahrheit auftischen – egal ob Linke oder Antikommunist*innen.

Das Programm

30.09.2017 / 19:00 @ Chemiefabrik

Buchvorstellung und Soli-Konzert

Buchvorstellung: “30 Jahre Antifa in Ostdeutschland”

Danach: Konzert mit Pisse und Battra//

 

Aus den Erlösen des Konzerts wird die Vortragsreihe mifinanziert.

Während nicht staatlich organisierte linke und linksradikale Bewegung in den sogenannten Alten Bundesländern schon etwas älter ist, gibt es viele Gruppen, Bündnisse und Strukturen in Ostdeutschland noch nicht ganz so lang. Zum 30en Geburtstag “der Antifa” in Ostdeutschland ist nun im Jahr 2017 ein Buch erschienen. Die Autor*innen entwerfen ein komplexes Porträt von der Entstehung bis zur Gegenwart. Wie sich die Vorläufer*innen heutigen antifaschistischen Engangement innerhalb der DDR organisierten und mit oder gegen diese arbeiteten, wird am 30.09. Dietmar Wolf beleuchten.

Zum Buch:

Der staatliche und gesellschaftliche Umbruch 1989/90 war ein Markstein für die heutige Antifa-Bewegung. Unter der Annahme einer gemeinsamen widerständigen Geschichte wurde in bisherigen Rückschauen allerdings nur wenig beachtet, dass in Ostdeutschland eine eigenständige Bewegung entstand, die bereits in der ausgehenden DDR ihren Anfang nahm und ein eigenes Profil entwickelte. 30 Jahre nach Gründung der ersten unabhängigen Antifa-Gruppen in der DDR bündelt dieser Band nun erstmals sozial-, kultur- und geschichtswissenschaftliche Analysen. Forscher_innen und Aktivist_innen geben dabei Einblicke in persönliche Handlungsanlässe, gesellschaftspolitische Kontexte und bewegungsinterne Debatten. Die Autor_innen widmen sich den Auseinandersetzungen mit der FDJ und DDR-Staatssicherheit, Raumaneignungen durch Hausbesetzungen und das ambivalente Verhältnis von Antifa-Gruppen in Ost- und Westdeutschland. Es werden biographische Aspekte sowie Verständnisse von Militanz rekonstruiert und eine raumtheoretische Perspektive vorgestellt. Weitere Beiträge besprechen das Theorie-Praxis-Verhältnis politischer Bildung, antifaschistische Gedenkpolitik und die Entstehung der Antideutschen. Abschließend werden Dissens und Chancen von zivilgesellschaftlichen Kooperationen beleuchtet.

Konzert

Um den Auftakt der Reihe “Was heißt hier Siegerjustiz?” gebührend zu feiern, spielen im Anschluss Pisse auf. Die phänomenale Punkkombo aus Dresden, Berlin und Leipzig haben sich keine 30 Jahre Zeit genommen um über die DDR zu urteilen, un kommen mit einer formscharfen These daher:

“SCHEISS DDR
SCHEISS BRD
SCHEISS EUROPA…”

Battra// ist kurzer und knackiger powerviolence. Gemeinsam mit Pisse sind sie auf Ostdeutschland Tour. Einzig zum realexistierenden Sozialismus haben sie noch nichts verfasst… aber man muss ja auch nicht über jeden Mist was schreiben.

Danch gibt es noch Party mit den Djs MS Night Chill und Boy John


 

02.10.2017 / 20:00 @ Projekttheater

Anne Seeck und Bernd Gehrke “Das Begehren anders zu sein”

In den Räumen des Projekttheaters werden Anne Seeck und Bernd Gercke, das Buch an dem sie gemeinsam gearbeitet haben vorstellen. Das Buch dreht sich um Fragen nach individueller und nonkonformistischer Lebensgestaltung innerhalb aber auch gegen den real existierenden Sozialismus.

Im Vorwort heißt es:

„Der Band entwirft einen Spannungsbogen der DDR-Realität, der der heutigen Linken weitgehend unbekannt ist. Dieser reicht vom DDR-Punk als ›großartigem Experimentierfeld‹ bis zur Biografien zerstörenden Stasi-Methode der Zersetzung, vom „anders sein“ als Abwehr DDR-spezifischen Stumpfsinns industriegesellschaftlicher Arbeit bis zu kaum bekannten Migrationserfahrungen.“

Nach der Vorstellung soll reichlich Platz sein, für Diskussionen!

Zum Buch:

https://www.unrast-verlag.de/gesamtprogramm/allgemeines-programm/politik-gesellschaft/das-begehren-anders-zu-sein-396-detail


 

10.10.2017 / 19:30 @ Thalia-Kino 

Film: “Kinder, Kader, Kommandeure”

Regie: Wolfgang Kissel

Kinder, Kader, Kommandeure (1992) Die witzige Dokumentar-Collage zeigt Ausschnitte aus DEFA-Wochenschauen und Propagandafilmen aus vier Jahrzehnten DDR ­ ohne Kommentar:

“Sie sehen selbst! Sie hören selbst! Urteilen Sie selbst!” Idealismus leitete seit den späten 40ern die DEFA-Wochenschau ein. Die Bekehrung der Gesellschaft zur Freiheit wich bald der Militarisierung. Stalins Tod wird pathetisch betrauert, der Kadavergehorsam gefeiert, und vieles wirkt ­ nicht nur aus heutiger Sicht ­ wie Kabarett: Als Westdeutsche 1950 im Osten eintreffen, lautet der Kommentar: “Endlich in Sicherheit”. Neben offiziellen Verlautbarungen pflegt das DDR-Fernsehen aber auch das menschliche Bild der Parteiführung. Wir sehen Walter Ulbricht Tischtennis spielen und Erich Honecker Walzer tanzen. Die Doku von Wolfgang Kissel ist komische Entdeckungsreise und bitteres Protokoll zugleich. (Quelle: cinema.de)


 

18.10.2017 / 20:00 @ Kosmotique

“Die braune Saat”

Lesung & Diskussion des gleichnamigen Buches von und mit Harry Waibel zum Thema Antisemitismus, Rassismus und Neonazismus in der DDR.

Die aktuelle, rassistische Gewalt, sowie die der Nachwendejahre im Osten der Bundesrepublik ist nicht vom Himmel gefallen. Gestützt auf Unterlagen des Ministeriums für Staatsicherheit der DDR weist Harry Waibel nach, dass antisemitische Vorfälle, nationalsozialistische Verherrlichung und pogromartige Angriffe bereits vor 1989 zunahmen, die SED Führung vor diesen Phänomen jedoch die Augen verschloss.


 

24.10.2017 / 20:00 @ IZ Dresden

“Ausreise per Antrag: Der Lange Weg nach Drüben” eine Buchvorstellung mit Renate Hürtgen

Für die Deutsche Demokratische Republik war ab 1961 die geschlossene Grenze ein konstituives Merkmal, wie kein anderer Staat wird sie auch heute noch assoziiert mit ihrer Grenzmauer. Die damit verbundene massive EInschränkung der Bewegungsfreiheit für die Bürger*innen und die rigorose Durchsetzung waren und sind immer wieder Ausgangspunkte für Kritik an der DDR. Renate Hürtgen widmete sich in ihrer Studie die dennoch versuchten auf legalem Weg nach “Drüben” zu kommen.

Zum Buch:

Am Beispiel der »Antragsteller auf ständige Ausreise« im Kreis Halberstadt entwirft die Autorin ein anschauliches Bild der Gesellschaft und des Herrschaftsalltags in der DDR der Honecker-Ära. Sie betrachtet sowohl die Herrschaftspraxis im regionalen »Mikrokosmos der Macht« und den Umgang der lokalen Funktionäre mit den Antragstellern als auch die »Ausreiser« selbst, ihre Herkunft, Sozialisation und kulturellen Prägungen sowie ihre Motive und das Verhältnis zu ihrem sozialen Umfeld. Dabei zeigt sich, dass unter den Antragstellern häufig gerade jene waren, die bis dahin ein durchaus angepasstes Leben geführt hatten, dessen Grenzen sie nun nicht mehr ertragen wollten. Die Studie entfaltet eine differenzierte Sicht auf die DDR-Gesellschaft, in der trotz Allgegenwart der Sicherheitsapparate und geschlossener Grenzen auch Eigensinn und Zivilcourage praktiziert wurde

Zur Person:

Geb. 1947 als Renate Müller in Berlin Friedrichsfelde, Zehnklassenschule, Ausbildung zur Unterstufenlehrerin am Institut für Lehrerbildung Berlin Köpenick (1963-1966).

Lehrerin, Zweiter Bildungsweg, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik an der Humboldt-Universität zu Berlin ( 1970-1974), Promotion Dr. phil., Referentin für Kultur an der Hochschule für Ökonomie Berlin Karlshorst.

Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften, Bereich Philosophiegeschichte (1980-1990), aktiv in der DDR-Opposition, 1989 Mitbegründerin der Initiative für eine unabhängige Gewerkschaftsbewegung, seit 1990 in verschiedenen sozialen und betrieblichen Bewegungen aktiv.

Nach 1990 verschiedene Projekte und ABM zu Transformationsprozessen, Aufbau von Gewerkschaften, Frauen in der DDR, DDR-Alltagsgeschichte, Geschichte der „Wende”, Betriebsalltag in der DDR, Diktaturgeschichte, Geschichte sozialer Bewegungen.

Von 1997 – 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam e. V., Forschungsschwerpunkte: Sozialgeschichte der DDR, Arbeitergeschichte, Angestellte im DDR-Industriebetrieb, Staatssicherheit im Betrieb sowie Antragsteller auf Ausreise aus der DDR.

 


[1] Ein Liste mit den kritischen Statements

Rote Hilfe Dresden

1 https://rotehilfedresden.noblogs.org/post/2016/12/01/statement-zum-rhz-schwerpunkt-42016/

2 https://rotehilfedresden.noblogs.org/post/2017/01/12/ausfuehrliches-statement-zum-schwerpunkt-der-rhz-42016/

3 https://rotehilfedresden.noblogs.org/post/2017/3/30/sieger-und-besiegte/

Internationalistisches Zentrum, e*vibes, FAU-Dresden – AG Feminismus

iz-dresden.org/de/2017/03/23/offener-brief-zum-schwerpunkt-der-rote-hilfe-zeitung-42016-siegerjustiz/

Anarchist Black Cross Dresden

https://abcdd.org/2017/02/03/statement-zum-rote-hilfe-schwerpunkt-siegerjustiz-in-der-zeitung-nr-4-2016/

Ostgruppen der Interventionistischen Linken

https://ilrostock.wordpress.com/2017/03/22/unsere-geschichte-nicht-bloss-als-eine-geschichte-von-westlinken-begreifen/

Anarchist Black Cross Dresden und Jena

https://abcdd.org/2017/08/30/abschliessende-gedanken-zur-siegerjustiz-debatte-um-und-mit-der-roten-hilfe-von-abc-jena/

Rote Hilfe Leipzig

https://antirepression.noblogs.org/post/2017/08/23/uneins-in-die-zukunft/

Rote Hilfe Bielefeld

http://www.bielefeld.rote-hilfe.de/rote-hilfe-zeitung/stellungnahme-der-og-bielefeld-zur-rhz-42016-siegerjustiz

[2] Erklärung des Bundesvorstandes und des Redaktionskollektivs

https://rote-hilfe.de/presse/768-in-jeder-hinsicht-ein-teil-linker-geschichte

Presse

Neues Deutschkand

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1059721.in-den-dreck-gefahren.html

 


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